Peer-Reviewed:

Peer-Arbeit als Baustein der Demokratisierung sozialer Dienste

Anm.: Mit „Peer-Reviewed“ ist hier der Blick als Erfahrungsexperte bzw. Erfahrungsexpertin für psychische Gesundheit gemeint, weniger das gleichnamige wissenschaftliche Peer-Review-Verfahren.

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Peer-Arbeit ist in Österreich nunmehr in der Mitte der Sozialpsychiatrischen Landschaft angekommen: In unterschiedlichen Bereichen – von Wohnungslosenhilfe über Gewalt- und Krisenerfahrungen bis hin zu Psychiatrie und Behindertenhilfe – wurden in den letzten Jahren Projekte aufgebaut, erprobt und teilweise fest verankert.

Gleichzeitig erleben viele Erfahrungsexpert:innen, dass „Peer“ im Alltag oft sehr unterschiedlich verstanden wird: mal als zusätzliche Unterstützung in bestehenden Angeboten – mal als echte Mitgestaltung, die Strukturen verändert. Genau an dieser Stelle setzt der Artikel „Peer-Arbeit als Baustein der Demokratisierung sozialer Dienste: Perspektiven von Erfahrungsexpert:innen“ von Florian Ohnmacht (gemeinsam mit Michael Rasell und David Furtschegger) an.

Ein zentraler Ausgangspunkt der Autoren ist eine Lücke: In Forschung und Praxis wird Peer-Arbeit häufig „von oben“ gedacht – also als Konzept, das Institutionen einführen und dann evaluieren. Dabei wird Peer-Arbeit im Feld psychische Gesundheit oft eng als (zunehmend institutionalisierte) Genesungsbegleitung innerhalb medizinischer Einrichtungen verstanden. Fragen nach Demokratie, Diskriminierung und Machtverhältnissen bleiben dabei häufig außen vor.

Gleichzeitig gibt es – etwa in Mad Studies und Survivor-Bewegungen – seit Jahren die Warnung, Peer-Arbeit könnte vereinnahmt werden: Peers werden dann zwar eingebunden, aber eher zur Stabilisierung des Systems genutzt, statt dass sich echte Mitbestimmung und Machtverschiebung ergibt („co-optation“).

Im Artikel wird die Perspektive umgedreht: Es fragt nicht zuerst, wie Institutionen Peer-Arbeit umsetzen wollen, sondern was Erfahrungsexpert:innen selbst dazu sagen – welche Ideen, Wünsche und auch Kritik sie haben, bevor Modelle fixiert werden. Dafür werteten die Autoren 25 Interviews und drei Workshops mit insgesamt 26 Teilnehmenden aus den Bereichen Behinderung und psychische Gesundheit aus.

Heraus kommt ein deutlich „breiteres“ Verständnis von Peer-Arbeit, als es viele aktuelle Projekte abbilden: Peer-Arbeit wird von den Befragten als Beitrag gesehen, soziale Dienste insgesamt demokratischer zu machen.

Im Artikel geht es um drei Kerngedanken – drei Wege, wie Peer-Arbeit Demokratie in sozialen Diensten stärken kann:

  • Zugang erleichtern: Viele Betroffene erleben Hürden – mangelnde Information, komplizierte Anträge, hohe Schwellen bei Behörden und Einrichtungen. Peer-Arbeit kann hier eine Art „Navigatorin“ sein: niedrigschwellige Information, Orientierung und Unterstützung, damit Menschen überhaupt zu passenden Angeboten finden (und davon leben können, wenn sie diese Arbeit machen).
  • Wissen demokratisieren: Nicht nur Fachwissen zählt, sondern auch Erfahrungswissen. Wenn dieses Wissen ernst genommen wird, kann das die oft harte Trennlinie „Professionelle vs. Patient:in/Nutzer:in“ aufweichen – und mehr Begegnung auf Augenhöhe ermöglichen.
  • Macht teilen durch Peer-Ownership: Das ist im Paper das stärkste Ergebnis: Viele Erfahrungsexpert:innen wollen nicht nur „mitarbeiten“, sondern echte Verantwortung und Entscheidungsmacht – auch in Planung, Umsetzung und Leitung. Peer-Arbeit soll nicht bei einzelnen Rollen stehen bleiben, sondern Strukturen verändern: Wer entscheidet? Wer gestaltet Regeln? Wer hat das letzte Wort? Genau hier wird auch vor Tokenisierung gewarnt – also davor, dass Peers eine „legitimierende Rolle“ bekommen, ohne wirklich etwas bewegen zu können.

Im Fazit machen die Autoren deutlich: Mehr Peer-Arbeit ist grundsätzlich zu begrüßen – aber sie darf nicht eindimensional bleiben. Wenn Peer-Arbeit einfach nur „eingepasst“ wird, ohne Machtverhältnisse in Organisationen mitzudenken, dann droht genau das, wovor viele Peers warnen: Vereinnahmung statt Veränderung. Darum muss die Umsetzung und Evaluation von Peer-Arbeit immer auch mit einer ehrlichen Reflexion von Hierarchien und institutioneller Macht einhergehen.

Für uns als IDEE Austria – also aus Peer-Perspektive – ist diese Arbeit besonders wertvoll, weil sie etwas Grundlegendes festhält: Peer-Arbeit ist nicht nur eine Methode oder „Zusatzleistung“. Sie ist auch eine Frage von Stimme, Würde und Mitbestimmung – und damit ein Schlüssel, wie Unterstützungssysteme gerechter und menschenfreundlicher werden können.

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Quellenhinweis:

Ohnmacht, Florian; Rasell, Michael; Furtschegger, David (2025): „Peer-Arbeit als Baustein der Demokratisierung sozialer Dienste: Perspektiven von Erfahrungsexpert:innen“, Zeitschrift für Inklusion. Lizenz: CC BY 4.0. Änderungen: zusammengefasst.

FACTBOX

Titel: Peer-Arbeit als Baustein der Demokratisierung sozialer Dienste: Perspektiven von Erfahrungsexpert:innen
   
Autoren: Florian Ohnmacht; Michael Rasell; David Furtschegger
   
Veröffentlicht am: 27.06.2025
   
Zeitschrift / Ausgabe:   Zeitschrift für Inklusion, 20 (1)
   
Download: PDF ist direkt auf der Artikel-Seite verfügbar
   
Profil / Fokus: Schwerpunkt integrative Pädagogik und Inklusion (gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten; Inklusion als gesellschaftliche Vision)
   
Begutachtung:   Single-Blind Peer-Review
   
Herausgeber: Förderverein bidok Deutschland e.V.

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