12. + 13. Februar 2026 in Immenstaad am Bodensee:

2. Internationale EX-IN Fachtagung

Im Rahmen der 2. internationalen EX IN Fachtagung am Bodensee wurden zentrale Entwicklungen und Fragestellungen der sozialpsychiatrischen Arbeit diskutiert. Die Veranstaltung kombinierte Fachvorträge mit einem partizipativen Barcamp-Format, das Austausch und Vernetzung förderte. In drei Workshop-Phasen mit insgesamt neun Angeboten konnten Themen vertieft bearbeitet werden.

Ein Programmpunkt von Mario Leitgeber und Barbara Unger widmete sich dem aktuellen Stand der Peer-Arbeit in Österreich und zeigte deutlich, dass sich die Umsetzung regional sehr unterschiedlich gestaltet. Beschrieben wurde ein „Fleckerlteppich“ an Strukturen und Angeboten, der sich durch drei zentrale Treiber erklären lässt.

Erstens prägen Finanzierung und Anstellungsmodelle die Umsetzung maßgeblich. Peer-Arbeit wird je nach Bundesland über unterschiedliche Kollektivverträge, Sonderverträge, projektbezogene Mittel oder teilweise auch ehrenamtliche Strukturen organisiert. Diese Vielfalt führt zu unterschiedlichen Beschäftigungsbedingungen und zu variierender institutioneller Einbindung.
Zweitens bestehen Unterschiede in der Ausbildung. Neben der EX-IN-Qualifizierung gibt es landesspezifische Modelle; Lehrgänge finden teils unregelmäßig statt. Dadurch entstehen unterschiedliche Zugänge, Standards und Professionalisierungsgrade.
Drittens variiert die strukturelle Verankerung. In manchen Regionen sind Peer-Konzepte klar in Entwicklungsplänen integriert oder sogar gesetzlich normiert, während andernorts noch projektbezogene oder punktuelle Lösungen dominieren.

Diese drei Faktoren – Finanzierung, Ausbildung und Verankerung – erklären die heterogene Landschaft der Peer-Arbeit in Österreich.

Ein wissenschaftlicher Vortrag von Dr phil Susanne Iris Bauer beleuchtete Peer-Arbeit aus professionsbezogener Perspektive. Zentrale Fragestellung war, wann sich EX-IN selbst als professionell erleben und unter welchen Bedingungen sie im Team als solche anerkannt werden. Diskutiert wurden Themen wie Stigmatisierung, Leistungszuschreibungen, Machtverhältnisse und die Anerkennung von Erfahrungswissen als eigenständige Ressource. Die Ergebnisse zeigen, dass Peer-Arbeit einen spezifischen, nicht ersetzbaren Beitrag leistet: Sie stärkt Partizipation, Recovery-Orientierung und kann zur Entstigmatisierung beitragen. Voraussetzung sind jedoch stabile strukturelle Rahmenbedingungen und die Einbindung in Qualitätsentwicklungsprozesse.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Ansatz Open Dialogue, entwickelt in den 1980er Jahren in Finnland. Jens Stellbrink und Christa Schmelzkopf präsentierten dieses familienorientierte Frühinterventionsmodell, welches prozessorientiert und nicht auf schnelle Problemlösungen ausgerichtet ist. Im Zentrum steht die Frage, wie mit einer Situation gemeinsam umgegangen werden kann. Jede Stimme ist gleichwertig, es wird aus dem eigenen Erleben gesprochen, zunächst zugehört und über das Gehörte nachgedacht. Gespräche entwickeln sich aus dem tatsächlich Gesagten. Gefühle dürfen Ausdruck finden, Hoffnung wird als sinnstiftend verstanden. Open Dialogue ist weder Antipsychiatrie noch ein Allheilmittel, sondern erfordert eine bewusste Entscheidung und eine dialogische Haltung. In der Praxis wird meist im häuslichen Umfeld mit mindestens zwei Moderator:innen.

Die Tagung machte deutlich, dass sich Sozialpsychiatrie in einem dynamischen Entwicklungsprozess befindet – weg von rein expertengestützten Modellen, hin zu Dialog, Beteiligung und geteilter Verantwortung. Peer-Arbeit und dialogische Ansätze erweitern fachliche Handlungsspielräume und stärken eine menschenrechtsorientierte Ausrichtung sozialpsychiatrischer Angebote. Peer-Arbeit ist und bleibt weiterhin Pionierarbeit – und gerade darin liegt ihr besonderer Wert.

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